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Erinnerungen

Am letzten Sonntag durfte ich Herrn M. Müller, 87 Jahre alt, noch einmal durch das Kloster führen. Herr Müller hatte mich in der letzten Woche in der Sprechstunde angerufen und mich nach dem Sachstand Kloster gefragt. Herr Müller kam selbst gefahren und machte einen sehr rüstigen Eindruck. Sein letzter Besuch in Herschbach fand vor über 60 Jahren statt. Er konnte sich noch an viele Details erinnern. Er selbst war über die Kinderlandverschickung als 12-Jähriger aus dem zerbombten Frankfurt am Main nach Herschbach gekommen. Sein Vater war Kriegsinvalide aus dem 1. Weltkrieg und wollte seinen Sohn in Sicherheit wissen. So war es sehr interessant, auch aus dieser Perspektive mal über das Leben im Kloster zu erfahren. Leider leben keine weiteren Zeitzeugen mehr. Seine Freunde von damals seien schon verstorben. Im März 1944 zerstörten drei große Angriffswellen die Frankfurter Altstadt, sodass die Schule dann nur noch unregelmäßig stattfinden konnte. M. Müller wurde dann mit 20-25 anderen Kindern nach Herschbach ins Kloster verschickt. Ein älterer Lehrer aus Mainz-Finthen ("Herr Golland") unterrichtete die Kinder hier vor Ort. Morgens gab es einen Appell und einen Spruch für den Tag. Geschlafen wurde in Stockbetten in der zweiten Etage des Klosters. Den linken Trakt bewohnten die Schwestern. Im großen Raum wurde gefrühstückt und gegessen. Angereist war man mit der Staatsbahn und ab Selters mit der Kleinbahn. Er konnte mir einige Anekdoten erzählen. Selbst beobachtet haben die Jungen bei einer Wanderung über die Felder den Abschuss einer möglichen V1 im August / September 1944. Diese sei senkrecht aufgestiegen, habe "sich im Kreis gedreht und dann abgeflogen". Man hat auch den Absturz einer Messerschmidt in Herschbach gesehen. Nur noch das Heck habe aus dem Boden geragt. Mit seinen zwei Freunden sei er sonntags immer zu einer Lore im Bruch gegangen, habe diese entleert und sei mit dieser bis nach Dierdorf gefahren! Das hat man wohl öfters wiederholt und stellte den Ausbruch aus dem Alltag dar. Einmal hätte man aber die Weichen verstellt bekommen und hätte die Lore zurück in Richtung Dierdorf schieben müssen. 1944 wurde den Kindern schon von dem Tunnel nach Hartenfels erzählt. Im Herbst half er auch einer Herschbacher Familie bei der Heuernte mit. Dass Essen in der Familie hätte besser geschmeckt als im Kloster. Im Oktober wurde er dann von seinem Vater wieder nach Frankfurt geholt, da dieser hier auch einen Angriff auf die Kleinbahn miterlebt hatte und dann seinen Sohn wieder in seiner Nähe wissen wollte. 1957/1958 besuchte M. Müller zum letzten Mal Herschbach, um seiner zukünftigen Frau das damalige Domizil zu zeigen. Nun wollte er sich noch einmal einen Traum erfüllen.

 

Axel Spiekermann

Ortsbürgermeister